Bild: Der gute Mensch von Sezuan

Information zur Veranstaltung

Brechts Stücke, die in den Jahren der Prosperität und des scheinbar sicheren Wohlstandes für den größten Teil der deutschen Bevölkerung veraltet schienen, bekommen durch die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre eine überraschende Aktualität. Dazu gehört auch das 1938 in Dänemark begonnene, 1940 in Schweden beendete Stück „Der gute Mensch von Sezuan“.

Brecht selbst versieht das Parabelstück mit der Bemerkung: Die Provinz Sezuan der Fabel, die für alle Orte stand, an denen Menschen von Menschen ausgebeutet werden, gehört heute nicht mehr zu diesen Orten. Abgesehen davon, dass sich auch das mittlerweile verändert hat, bleibt Brechts Grundfrage aktuell: Wie ist es möglich, in einer Gesellschaft, die an niedrigste Instinkte appelliert, gut zu sein? Die Hure Shen Te kommt durch göttliche Fügung und einfache menschliche Güte zu einem kleinen Vermögen. Ihre schnell stadtbekannt werdende Güte wird ausgenutzt, der kleine Tabakladen füllt sich mit Glücksrittern, Schmarotzern und den netten Ausbeutern von nebenan. Um zu überleben, erfindet sie die Figur ihres Vetters Shui Ta. Fortan versucht Shen Te durch diese Spaltung ihre menschlichen Qualitäten zu retten, indem sie die finsteren Entscheidungen ihrem Vetter Shui Ta überlässt. Die Schwierigkeit des Gut-Seins in einer Gesellschaft, die nicht gut ist, wird in kräftigen, gut gebauten Szenen gezeigt, die manchmal tragikomisch sind. Dabei wird deutlich, dass selbst die untersten Schichten den ausbeuterischen Grundmechanismus der Gesellschaft bedienen. In der scheiternden Liebesgeschichte zwischen Shen Te und dem Flieger Sun wird sichtbar, dass die Menschen nicht nur Opfer der Verhältnisse sind, sondern diese auch bestimmen. Der Plot und die Figuren sind großartig. In der Marburger Inszenierung soll die Geschichte in das Zentrum gerückt und die ideologischen Schlussfolgerungen den Zuschauern überlassen werden.

(Foto: Ramon Haindl)