Kathrin Zukowski, Sopran
Patrick Henckens, Tenor
Jens Hamann, Bariton
Städtischer Konzertchor Winfridia Fulda – Leitung: Carsten Rupp
tarzom Orchester Würzburg (mit historischen Instrumenten)
Als Oratorium verkannt – als Musical ein Rausch der Sinne
Nachdem Joseph Haydn 1798 mit seiner „Schöpfung“ große Erfolge feierte, veröffentlichte er 1801 sein letztes Oratorium „Die Jahreszeiten“ – wiederum auf ein Libretto des Barons van Swieten nach einer englischsprachigen Vorlage. Warum diesem Werk der vorangegangene Erfolg bei weitem nicht vergleichbar vergönnt war, hat wohl mehrere Gründe: Zum einen gilt der Text van Swietens als literarisch mangelhaft, zum anderen ist aber auch die thematische Fokussierung auf den Lauf der Natur im Jahreskreis nicht dem damaligen Zeitgeschmack und den Gedanken der Aufklärung entsprechend.
Aus heutiger Perspektive muss man zugeben, dass einigen der größten kompositorischen Kunstwerken eine eher dürftige Textvorlage zugrunde liegt. Im Sujet des Werkes kann man durchaus einen visionären Ausblick auf jene Naturverbundenheit und künstlerische Naturverklärung sehen, wie sie für die kurze Zeit später beginnende Romantik wesentlich war. Außerdem lässt sich in der kompositorischen Ausarbeitung auch eine Verneigung vor der Farbigkeit profaner Barockmusik wahrnehmen.
Die Komposition ist voll mit Tonmalerei: ein pflügender Bauer pfeift bei der Arbeit das bekannte Thema aus Haydns Sinfonie mit dem Paukenschlag, ein von einem Jäger geschossener Vogel fällt herunter, fast schon blendend hell ist der Sonnenaufgang zu erleben, beim Weinfest zecht und juchzt alles durcheinander und nicht zuletzt feiert man am gemütlichen Winterabend das vergangene Jahr mit z.T amourösen Aussichten auf das kommende.
Unsere Aufführung im Jahr 2020 steht aber auch ganz im Zeichen des Klimawandels, denn Haydns Komposition eröffnet Spielräume für extremste Wetterphänomene: Ein wütender Schneesturm eröffnet das Stück und kurz darauf drängt alles hinaus ins Frühlingshafte. So schön der Sommer auch beginnt, gipfelt er in einer alles verdorrenden, bleiernen Hitze, welche sich in einem Sturm entlädt, wie er später erst wieder in Wagners Holländer erfahrbar wird.
Spätestens wenn der Frauenchor schnurrende Spinnrädchen und schnarrende Leiern stimmlich imitiert, dürfte der Letzte im Saal davon überzeugt sein, dass dieses Musikerlebnis mit zu dem Spannendsten gehört, was die Musikgeschichte zu bieten hat.