Lesung und Konzert: Charlotte Warsen / Hendrik Rost / Simone Drescher (Cello) / Volodymyr Lavrynenko (Klavier) Tickets - Münster, LWL Museum für Kunst und Kultur

Event-Datum
Mittwoch, den 15. November 2017
Beginn: 20:00 Uhr
Event-Ort
Domplatz 10,
48143 Münster
Sonstige Ticket-Info
Veranstalter: GWK e.V. (Kontakt)

Ermäßigungsberechtigt sind:

GWK-Mitglieder, Schüler, Studenten, Schwerbehinderte, Arbeitslose, Sozialdienstleistende.

Rollstuhlfahrer melden sich bitte direkt bei der GWK an. Tel: 0251-5913041 oder Sabrina.dettmar@lwl.org.

Die Ermäßigungsberechtigung ist am Einlass vorzuzeigen.
Ticketpreise
ab 20,00 EUR und Ermäßigungen
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Bild: Sibyllen und Propheten - Triggerpunkte tom Ring
Charlotte Warsen:
wozu noch etwas dazu schreiben

Wer über Malerei und Dichtung schreibt und liest, findet sich schnell wieder zwischen abgedrehtem Stalkertum und dem verzweifelten Versuch, einen Rosenkrieg zu schlichten. Jedes Gemälde ist eine sich selbst erfüllende Sibylle. Keines braucht zwangsläufig mehr Dichtung als jene, die es auf tradierten, gesuchten oder zufallsblinden Wegen inspiriert und befeuert haben mag. Es gibt eine bezeichnende Schieflage europäischer Kunsttheorie zu Ungunsten der Farbe, aber darüber hat sie stets wortlos triumphiert. Das Verhältnis zwischen Farb- und Wortgebilden, es ist kompliziert, aber als Liebesdrama stabil seit Jahrhunderten. Da Maler*innen meist auch lesen und schreiben können, ist Geschriebenes oft schon so ununterscheidbar in ihre Gesten eingegangen und in der Farbe aufgelöst wie Hefe oder Ibuprofen, ohne dass man es noch als Quellentexte und Beweise eigener Belesenheit vor dem Bild herumschwenken könnte. Wenn alle Schichten, wie im Falle der tom Ring-Zyklen, schon getrocknet sind – wozu noch etwas dazu schreiben und im Gefolge welcher Präposition? Über die Gemälde (hinaus)? Von den Gemälden (ausgehend)? An das einzelne Gemälde (seine Farben? Den Duktus? Die Gestalt aus Farbe und Duktus? Das Gefüge aus Farbwerten?), dagegen…? Als Gemurmel der Sujets? Will man mit eigenen Eindrücken Eindruck schinden? Para-Alchemie betreiben? Will man, wie Thomas Kling es formuliert, „mit dem Maler gleichziehen“ oder prophetisch zukünftige Blicke lenken? Dass sich durch das Schreiben unweit eines Gemäldes der Blick schärfen kann, ist noch keine Garantie, dass ein Gedicht entsteht. Wenn ich Gedichte vergleiche, die aus der Begegnung Funken schlagen, kann ich kaum Gemeinsamkeiten feststellen, nur den recht allgemeinen Eindruck schildern: dass im Fortgang des Schreibens die Rücksicht offenbar nachließ, eher skrupellos gewildert, gelästert oder geschwärmt wurde, denn skrupulös getüncht; dass das „Gemäldegedicht“ also im besten Fall Ausdruck einer höheren Nähe/Distanz-Störung sei. Sich also auch – wenn man eine Charlotte ist und keine Sibylle – kaum vorhersagen lässt, ob es gelingen wird.

Hendrik Rost:
sich fragen, wie die Zeit jetzt sein muss

Seit ich denken kann, und es kommt mir jedes Jahr wieder vor, als sei das seit dem letzten Jahr, stelle ich mir die Frage, wie ein Leben möglich ist in Anbetracht all der Unmöglichkeiten. Oder umgekehrt: Wie schön es ist, zu leben, obwohl das aus ästhetischen und gegebenenfalls ökologischen Gründen überhaupt keinen Sinn ergibt. Na ja, es ist eben nicht ganz einfach, mit der Erlösung, ha!, Erkenntnis umzugehen, die einem ja längst zuteil geworden ist. Aufregender, als sich mit der Zukunft zu beschäftigen, die mehr oder weniger absehbar ist, ist es doch, sich zu fragen, wie die Zeit jetzt sein muss, damit sie zur Vergangenheit passt.

Das Bild hat mich berührt, das Gesicht der Frau war fleischig, in sich gekehrt, ich war mir sicher, sie zu kennen, aber dieser Rotstich vom Blut irritierte mich. In der Wohnung war es still und kühl, draußen glitt die Welt, eigentlich die Stadt, auf der Gewalt in die Zukunft. Elseke lehnte über meinen Aufzeichnungen, sie hielt die Hände vor der Brust verschränkt, offen und entspannt lagen die Hände auf den Unterarmen. Ein schönes Bild, das mir einen Schrecken einjagte. Sie schaute auf, ungerührt, aber entspannt und sagte: „Jedes Werk modert und geht zugrunde und wer daran arbeitet, wird mit ihm vergehen.“

Musik:

Simone Drescher Violoncello
Pēteris Vasks (*1946): Grāmata čellam

Volodymyr Lavrynenko Klavier
Franz Schubert (1797–1828): Sonate für Klavier B-Dur D 960

„Ich denke, dass unsere Zivilisation in eine falsche Richtung geht. Es gibt viel zu viel Materialismus, zu wenig Geist. Das Wichtigste ist doch unsere Seele, unser Körper und Geist, das alles zusammen.“ (br-klassik.de) Prophetisch, als Zeitkritik, Mahnung und Verkündigung, versteht der Lette Pēteris Vasks seine Musik: „Mit reinen und leidenschaftlichen Klängen bemühe ich mich, die Schönheit der von Gott geschaffenen Welt zu bezeugen, die Kraft der Liebe, die Möglichkeit und das Vorhandensein von Harmonie. (…) Musik ist der geradeste Weg zu einer anderen, geistigen Dimension. Sie gibt uns die Möglichkeit, mit dem Allerhöchsten direkt, ohne Dolmetscher und Vermittler, zu reden.“ (alexander-werner.org) „Ich will der Seele Nahrung geben. Das predige ich in meinen Werken.“ (zeit.de)

Prophetisch Schuberts D-Dur-Sonate – der 31-Jährige vollendete sie kurz vor seinem Syphilis-Tod – nicht nur wegen ihres geheimnisvollen und unheimlichen „Teufels-“ oder „Schicksalstrillers“ im 1. Satz. Ihm folgt eine offene Stille, die das Werk insgesamt auf ungreifbare Weise erfüllt. Das ganze Spektrum menschlichen Glücks und Glücksverlangens mitsamt seiner Kehrseite – den Ängsten, Verlorenheiten, Einsamkeiten, mit Trauer und Schmerz, Erschütterung und Innigkeit –, bringt die Sonate überwältigend zum Ausdruck. Angst vor dem Tod? Für Andras Schiff sind die letzten zwei Sätze „wie die Halluzination eines neuen Lebens, das, was der Sterbende vielleicht auf der Schwelle erfährt. Die Coda hat eine wunderbare, chaotische Glückseligkeit: dieses Hinausrauschen, dieses Ersehnen des finalen Ausgangs, diese letzte Fanfare. Schubert bejaht das Leben. Es gibt noch Hoffnung.“ (The New Yorker)



Fotonachweis: Warsen (c) Valerie Schmidt, Rost (c) Privat, Drescher (c) Anne Hornemann, Lavrynenko (c) Privat

LWL Museum für Kunst und Kultur, Münster