Lesung und Konzert: Jan Skudlarek / Georg Leß / mixtura: Katharina Bäuml (Schalmei) & Margit Kern (Akkordeon) Tickets - Münster, LWL Museum für Kunst und Kultur

Event-Datum
Mittwoch, den 29. November 2017
Beginn: 20:00 Uhr
Event-Ort
Domplatz 10,
48143 Münster
Sonstige Ticket-Info
Veranstalter: GWK e.V. (Kontakt)

Ermäßigungsberechtigt sind:

GWK-Mitglieder, Schüler, Studenten, Schwerbehinderte, Arbeitslose, Sozialdienstleistende.

Rollstuhlfahrer melden sich bitte direkt bei der GWK an. Tel: 0251-5913041 oder Sabrina.dettmar@lwl.org.

Die Ermäßigungsberechtigung ist am Einlass vorzuzeigen.
Ticketpreise
ab 20,00 EUR und Ermäßigungen
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Bild: Sibyllen und Propheten - Triggerpunkte tom Ring
Jan Skudlarek:
schichtweise eingehärtet

Schreiben als Schichtarbeit. „Fordite“: ein Edelstein, der gar kein Stein ist. Als in der Autostadt Detroit noch per Hand lackiert wurde, ist täglich Farbe an den Autos herabgetropft, schichtweise eingehärtet. Über Jahre entstanden so psychedelische Sedimente. Auch das Schreiben von Gedichten ist Schichtarbeit, Handarbeit. Sprachfarbe, die einhärtet. Mineralien, die gar keine sind.

ex post

wir haben den goldrausch zwar überlebt, aber er
hat uns alle verändert. die landschaft
umgestülpt, unsre stimmen haben neue
symptome. Kurios. die flut trägt ein faustgroßes
auge an land. sämtliche wissenschaftler aus dem
häuschen. räuspern sich, keuchen. wir,
wiederum, sind trotz der inselverzwergung
stattlich. doch irgendwann lösen auch wir uns
auf. restlos. zeit, sich zurückzulehnen.
dehnübungen. gerade so im augenwinkel : ein
sonnenaufgang lädt in modemgeschwindigkeit

Aus: Jan Skudlarek: elektrosmog. 2013


Georg Leß:
mit spitzen Mitteln

Eine schön abstrakte Zielvorstellung, die Ausschnitthaftigkeit eines bestehenden Gemäldes sowie eines entstehenden Gedichts mit der Ganzheitlichkeit des Erlebens zu kombinieren. Ein Tigerhai und ein Tapetenwolf ergründen einen Gegenstand mit den ihnen gegebenen spitzen Mitteln. So tut es auch ein Dichter und das Resultat kann vergleichbar aussehen. Etwas schön Konkretes, ein zusammengespülter Körper, eine Winzigkeit verwischt und rissig, ein großformatiges Dinggedicht, sowohl Gegenstand als auch Gattung gerecht werdend. Das letzte zu lösende Problem: Er will mit aufs Bild.


der Fuchs am Südkreuz

ich schoss ja nur Bilder, schon ging er mir nach
seine Scheu, rötlich verwickelt in die Sommernacht
verwackelt, schief die Schilder, der Laternenpfahl

dieses kräftig durchblutete Nachbild, in Häuten die Stadt
wohin damit kein wo kein Rivale droht, zu Hause
wurde ich ihn los, wenn auch nicht satt, verkroch

sich vorm Blitz, tief im Unterholzwunsch, nur
ein Grollen blieb unter dem Schreibtisch zurück
in meiner Einkaufstüte wird das Fleisch nicht frischer

Aus: Georg Leß: Schlachtgewicht. 2014


Musik:
Prophetiae Sibyllarum

mixtura
Katharina Bäuml Schalmei & Margit Kern Akkordeon

Orlando di Lasso (1532–1594): Prophetiae Sibyllarum
Karin Haußmann (*1962): an der Stimme gekannt
Sidney Corbett (*1960): Archipel Machaut
Guillaume de Machaut (1300–1377): Doulce dame jolie | Messe de Nostre Dame | Ma fin est mon commencement

„mixtura“ bedeutet einen exotischen Mix. Auf der altertümlichen Schalmei und dem noch jungen Akkordeon erklingt Renaissancemusik und speziell für mixtura komponierte Neue Musik, die von der alten inspiriert ist. Nach Sprüchen christlicher Sibyllen entstanden di Lassos Motetten „Prophetiae Sibyllarum“ zur Zeit der tom Rings. Das Sprunghaft-Ekstatische der Sibyllenverse spiegelt sich in der Komposition: keine herkömmliche Polyphonie, in der diverse Stimmen gleichberechtigt, jedoch geordnet gegeneinander laufen, sondern scheinbar unharmonische, ziellose Chromatik. Und der Melodie als Hauptstimme, die häufig in schrägen Halbtonrückungen voranschreitet, ordnet di Lasso, was neu ist, die anderen Stimmen unter. Dabei lässt er oft unvereinbare Akkorde direkt aufeinanderprallen. Gleich in seinen ersten Takten kommen alle zwölf Töne der Tonleiter vor.

Dies liefert Karin Haußmann das Material für „an der stimme gekannt“. Doch anders als di Lasso, meint die Komponistin keine christliche, sondern die antike Sibylle von Cumae aus Ovids „Metamorphosen“. Ihr Gesang ist verzweifelte Klage – wunderbar expressiv in den Hochtönen der Schalmei. Sie schluchzt und heult und schreit vor Aeneas, dem sie einst „in Schauder erregenden Rätselworten“ „schreckliche Kämpfe“ (Vergil) und die große Zukunft Roms vorausgesagt und den sie in die Unterwelt geführt hatte. Ihr Schmerz: sie darf nicht sterben, bevor tausend Jahre um sind. Dieweil altert sie und schrumpft – und wird unsichtbar werden, bis nur noch ihre Stimme zu hören ist.

Mit Machauts „Douce dame jolie“, einem der berühmtesten Lieder des Mittelalters, und seiner „Messe de Nostre Dame“ stehen eine zarte schöne Dame und die Gottesmutter Maria Haußmanns Sibylle entgegen und den Prophetinnen di Lassos zur Seite. Instrumental, ohne Text, evoziert die Messe das christliche Erlösungsversprechen – damit es sodann zurückgenommen werden kann. So zitiert Corbett Machaut in seinem „Archipel Machaut“, einer Reihe von kleinen, ineinander übergehenden Episoden, die „vielleicht wie ferne Erinnerungen“ (Corbett) sind. „Mein Ende ist mein Anfang / und mein Anfang mein Ende“: Leichtigkeit – doch steht das Geheimnis der Erlösung als Frage im Raum…


Fotonachweis: Skudlarek (c) Dirk Skiba, Leß (c) GWK, mixtura (c) Monika Schürle

LWL Museum für Kunst und Kultur, Münster