Lesung und Konzert: Katharina Hacker / Hendrik Jackson / Liv Migdal (Violine) & Eglé Staskuté (Klavier) Tickets - Münster, LWL Museum für Kunst und Kultur

Event-Datum
Mittwoch, den 08. November 2017
Beginn: 20:00 Uhr
Event-Ort
Domplatz 10,
48143 Münster
Sonstige Ticket-Info
Veranstalter: GWK e.V. (Kontakt)

Ermäßigungsberechtigt sind:

GWK-Mitglieder, Schüler, Studenten, Schwerbehinderte, Arbeitslose, Sozialdienstleistende.

Rollstuhlfahrer melden sich bitte direkt bei der GWK an. Tel: 0251-5913041 oder Sabrina.dettmar@lwl.org.

Die Ermäßigungsberechtigung ist am Einlass vorzuzeigen.
Ticketpreise
ab 20,00 EUR und Ermäßigungen
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Bild: Sibyllen und Propheten - Triggerpunkte tom Ring
Katharina Hacker:
weil wir Sätze nicht aus der Welt entnehmen

Wie macht der Satz das, das er darstellt? – Schau doch hin. Aber wie macht der Satz das, das er darstellt? – Schau doch einfach hin, es ist ja nichts verborgen. (Ludwig Wittgenstein) Und doch: wie macht der Satz das? und wieso vergessen wir so oft, dass der Satz überhaupt etwas macht, denken viel
eher, er bilde ja bloß leichthin ab, gehöre ganz und gar zu dem, was da beschrieben, und anderes eben nicht, ein anderes Wort etwa komme nun einmal nicht vor…
Ein leidenschaftliches Plädoyer füge ich in unbotmäßiger Kürze ein: dass die menschliche Freiheit sich ihrer sicher sein kann, weil wir Sätze nicht aus der Welt entnehmen. – Weil wir den Dingen und Sachverhalten (und Menschen!)
die Sätze nicht abziehen wie eine Haut. Jeder Satz ist eine Entscheidung. Manchmal ist ein Satz eine Entscheidung, deren Folgen wir uns vornehmen, ohne sie genau zu kennen: diese grammatische Möglichkeit ist die Negation. Ich werde nicht klein beigeben. Ich werde nicht an die Determiniertheit
des Menschen glauben. Ich werde nicht verzweifeln, weil ich befürchte, die Zukunft sei düster, weil ich über syrische Gefängnisse gelesen habe, weil das Leid der Menschen im Süd-Sudan unerträglich ist, weil noch immer Zivilisten in
Mossul zwischen den Fronten stecken, weil hier sich Menschen erlauben, andere Menschen zu verachten. (…) Gerade jetzt sind Schreibende nützlich, denn wir wissen, was für ein komplexes, erstaunliches Ding eine Beschreibung ist, wieviel darin steckt an Wille, an Vorurteil, an Sprachverfallenheit, an Faulheit womöglich. Und an Möglichkeit. Wir können und müssen darauf aufmerksam machen, wo gefälscht, betrogen, manipuliert, vereinfacht wird, – gut. Mehr noch sind wir dazu da, die Grenzen der Sprache, die sich verengen wollen im Gebrauch, immer wieder sacht zu dehnen, auszuweiten –. (…)
Schriftsteller, Künstler sind allemal dafür zuständig, die Welt, unsere Empfindungsmöglichkeiten, Denkmöglichkeiten reicher und mannigfacher zu machen. Womöglich sind wir Menschen überhaupt zuständig für Mannigfaltigkeit, was, ernst genommen, allerdings gewaltige Konsequenzen hätte.
Aus: Katharina Hacker: Mut fassen.
Rede zum Aschermittwoch der Künstler des Bistums Limburg 2017

Hendrik Jackson:
jetzt und jetzt baumeln Zungen fröhlich

Nachsatz

Spring-ins-Feld: Prophezeiungen, als Möglichkeitsanzeige, zu sehen
unter dem Vorbehalt ihres eventuellen Nichteintreffens, hieße doch:
von singulären Ereignissen ausgehen und Erwartungen streuen!
Prophezeiungen würden unter der Hand zu bloßen Manipulatoren,
bestenfalls können sie als sich selbst erfüllt habende Prophezeiungen
in Erscheinung treten. frivole Spieler im Rausch.

Prophezeiung aber als Unausweichlichkeit – die allein ihres Tags
harrte: wozu und woher? – mutet bleiern fatal an. ein Ereignis wirft
seinen Schatten voraus, entgegen und ändert also die Richtung:
verdüstert sich nicht mit jedem uneingelösten Tag der Horizont der
Prophezeiung, die so lange im Dasein als Frist sich verzehrt, bis die
unselige Zeit aufgebraucht ist?

was aber sehen wir hinter dem alltäglichen Scheffel hervorleuchten
… Wort und Kaskade: alles was, noch im Fall und Wundererscheinun-
gen gleichsehend, offenbar überströmt – und nicht erst irgendwann
bis zur Unkenntlichkeit. jetzt und jetzt baumeln Zungen fröhlich im
Lichtton der Verheißung, Galgen-Klagen und Lieder in wimpelnden
Takellagen, Spruchbänder und, zwischen zeitlosen Tieren, immer
wieder Tage ohne Pläne oder Vergangenheit, rundum verwaisend,
bis zum seligen Dämmern gelöster Erinnerung und kommender
Zeiten. Mammut, Mammut!

Aus: Hendrik Jackson: Im Licht der Prophezeiungen.2012

Liv Migdal Violine & Eglé Staškuté Klavier
in extremis

Paul Ben-Haim (1897–1984): Sonate für Violine solo g-Moll
H. Ignaz F. Biber (1644–1704): Passacaglia g-Moll aus den Rosenkranz-Sonaten
Sergei Prokofiev (1891–1953): Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 D-Dur op. 94a

Nach der Machtergreifung der Nazis aus Augsburg nach Palästina emigriert, ist Paul Ben-Haim der Shoa entkommen. In Israel verschmolz er Orientalisches und Europäisches zu einem neuen Stil, der die Nationalmusik des Landes begründete. Der 2. Satz seiner Violinsonate, die er 1951 für Yehudi Menuhin schrieb, weht wie aus der Wüste oder aber einem ganz Andren her – „den konsterniert-wortlos Gewordenen angesichts des Ungesagten und Unsäglichen ein immer neu nach Worten und Schweigen ringender, wortlos wortender Ton“ (Wolfgang Jellinek). „Die Sonate von Paul Ben-Haim trifft mich in meiner Mitte“, so Liv Migdal. „Sie macht eine Geschichte spürbar, eine von Leben und Tod: Musik der Extreme – so wie die Passacaglia von Biber.“

Die Passacaglia beschließt den Sonatenzyklus Bibers nach den „fünfzehn heiligen Mysterien“ – Menschwerdung, Leiden und Auferstehung Christi – des Rosenkranzes. In einer zeitgenössischen Prachtausgabe der Sonaten steht über der Passacaglia die Federzeichnung eines Schutzengels: Wie der Schutzengel den Menschen so begleitet der immer gleiche Bass die Melodie durch alle Höhen und Tiefen. Passacaglia – pasar una calle: eine Straße gehen. Den Lebensweg. Gibt es Vorsehung, steht er unter göttlichem Schutz? Wohin führt er? In ein himmlisches Jerusalem?

Ins Paradies oder in die Hölle auf Erden? Nur scheinbar ist Prokofievs Opus 94 heiter, harmlos, flüssig und zart. Alles ist hier – die Violinsonate entstand 1942/43, man ist im Krieg mit Hitler-Deutschland, lebt in der Sowjetunion unterm Stalinismus – gebrochen. Abbrüche und Neubeginn, als ließe sich nichts vollenden, ein fröhlich tänzerisches Motiv gerät unversehens ins Stampfen… Musik, Leben, Virtuosität in extremis.

Fotonachweis:
Migdal (c) Monika Lawrenz, Staskute (c) Privat, Hacker (c) Renate von Mangoldt, Jackson (c) GWK

LWL Museum für Kunst und Kultur, Münster