MARDUK Tickets - Ludwigsburg, Rockfabrik Ludwigsburg

Event-Datum
Sonntag, den 09. Dezember 2018
Beginn: 19:00 Uhr
Event-Ort
Grönerstraße 25,
71636 Ludwigsburg
Sonstige Ticket-Info
Veranstalter: Rofa Gastronomie GmbH (Kontakt)

Ticketpreise
ab 24,00 EUR
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Bild: Marduk
Am 22. Juni veröffentlichen Marduk den mit “Viktoria” betitelten Nachfolger zu “Frontschwein” – exakt 77 Jahre nach der “Operation Barbarossa”, dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion. Dieser Feind damals wurde überrumpelt. Ja, er wusste nicht einmal wirklich, dass er der Feind war: Stalin und die Sowjetführung sahen nicht kommen, was sie bereits in den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 traf. Dabei warnte Churchill, Hitlers Antagonist in London, den Kreml vor dem deutschen Truppenaufmarsch; der russische Spion Richard Sorge schickte sogar Beweise; selbst der deutsche Botschafter in Moskau folgte seinem Gewissen, bewies so etwas wie einen Hauch an Menschlichkeit und Anstand und informierte die sowjetischen Diplomaten über den geplanten Krieg. Alles vergeblich.
Es gibt heute nur mehr sehr wenige greise Zeitzeugen, die darüber berichten können. Wie es war, mit den Panzern über unvorstellbare Entfernungen hinweg vorzustoßen, vom Rausch immer neuer Illusionen beflügelt: Noch ein weiterer Sieg, und der Krieg sei gewonnen. Wie sich der Feldzug binnen weniger Tage schon als Vernichtungskrieg erwies, der keine Regeln mehr anerkannte: Abermillionen Soldaten auf beiden Seiten sind elendiglich verhungert, erfroren oder ermordert worden. Die apokalyptischen Dimensionen des 2. Weltkrieges – und gerade die der Paukenschlagsinfonie, die des Blitzkrieges gegen die Sowjetunion – sind bis heute nicht gänzlich begreifbar, insbesondere, weil die Außenpolitik der Deutschen nicht nur grausam, sondern zutiefst irreal war. Sie jagte in blinder Manie Visionen nach, die ein absurdes Albtraumreich zum Ziel hatten – und dafür brach Hitler sogar den Pakt mit den Sowjets, obwohl er ihm eigentlich nur Vorteile brachte. Ein Soldat notierte, nach Vorstößen bis nach Leningrad, zur Krim und bis nach Moskau, als sei derlei das Selbstverständlichste der Welt: “Die Russen werden sofort erschossen, liegen haufenweise im Straßengraben.” Tatsächlich hatte Hitler das Kriegsvölkerrecht, das Genfer Kriegsgefangenenabkommen von 1929 und die Haager Landkriegsordnung von 1907 außer Kraft gesetzt, die SS massakrierte assistiert von der Wehrmacht 27 Millionen Menschen. In der Regel wurden dabei die Menschen in großen Gebäuden wie Scheunen zusammengetrieben und mit Maschinenpistolen oder Maschinengewehren erschossen. Danach wurden, obwohl viele noch lebten, die Gebäude abgebrannt – die Opfer meist Frauen und Kinder, denn die Männer waren bei der Roten Armee oder bei den Partisanen. Das Ziel in Hitlers blinder Gier und seiner Hybris: Die Sowjetunion zu zerschlagen.
Feinfühligkeit ist Morgan Håkanssons – seines Zeichens Gitarrist, Hauptsongwriter, Gründungsmitglied und demnach Kopf der schwedischen Black Metaller – Sache ebenso selten bis nie gewesen. Von „Fuck Me Jesus“ bis hin zu „Frontschwein“ zieht sich das Spektrum der potentiellen Echauffierung feinnerviger Geschöpfe; Wo in den Neunzigern noch vorrangig die Zerschlagung des Christentums als Aufreger im Fokus stand, erschuf er mit der bestialischen Schlachtplatte „Panzer Division Marduk“ kurz vor dem Jahrtausendwechsel nicht nur eines der offensiv provokantesten, sondern mitunter auch das vielleicht radikalste Manifest nach der entfesselten zweiten Welle im Black-Metal-Kosmos, in dem noch realiter gebrandschatzt und gemordet wurde: Hitler ward sukzessive zum neuen Teufel, der einstige christraping Black Metal wucherte aus – die totale Vernichtung stand fortan (wenngleich nicht alleinig) im Fokus, Tod über alles. Dabei ist Håkansson beinah zwanzig Jahre später mit “Viktoria” – gewandet in den ikonischen Tönen Rot, Schwarz und Weiß – wohl die trefflichste musikalische Transformation gelungen, denn – und das muss gerade heute mit Vehemenz und als Kontrapunkt zur Boulevardpresse betont werden – Håkansson versteht sich als Narrator der – zugegeben vornehmlich dunklen – Perioden der Menschheitshistorie, nicht als ihr Verherrlicher. Die Geschichte ist, selbst mit beeindruckenden Zahlen und ungeschönten Fakten untermauert, eine trockene: für heutige Generationen unbelebt, da unerlebt. Wie die aktuelle Echo-Debatte rund um Kollegah und Farid Bang bewiesen hat: Einen Bezug zum 2. Weltkrieg hat die heutige Jugend nicht, es mangelt an Verständnis ob der Tragweite. Doch mit “Viktoria” macht Håkansson Geschichte erlebbar – lässt in einer seltenen Perfektion schnöde Tatsachenberichte zu Tatsachen werden: Mit “Viktoria” befinden wir uns – wenngleich nicht überrumpelt – tatsächlich mitten im Krieg: thematisch, akustisch, empathisch. Wer die Pein hier nicht fühlt, ist ohnehin entseelt.