Bild: 1968 - mehr als Pflasterstein und -strand - Vortrag Dr. Karl ReininghausBild: 1968 - mehr als Pflasterstein und -strand - Vortrag Dr. Karl Reininghaus
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Information zur Veranstaltung

1968 – mehr als Pflasterstein und -strand

Die Jahreszahl steht im Gegensatz zu anderen sich jährenden Terminen – wie etwa 1618 oder 1918 – nicht für ein konkretes historisches Ereignis, sondern ist zum Synonym für eine gesellschaftspolitisch, aber auch geistesgeschichtlich notwendige Auseinandersetzung geworden, die in vielen Aspekten schon früher begonnen, sich teilweise aber auch erst in den darauf folgenden Jahren entwickelt hat. „1968“ war eine globale und mehrere Generationen übergreifende Angelegenheit, die von konkreten gesellschaftlichen Zuständen (zwischen autoritär und patriarchalisch organisierter Familie und einem gegenüber seinen BürgerInnen wieder zunehmend gewaltbereiten Staat) und politischen Ereignissen (neben einem permanenten Kalten dem nach 1961 eskalierenden Krieg in Südostasien) angestoßen wurde. Die am Widerstand gegen alle politische Repression beteiligten Menschen fingen an, für diese Missstände Ursachen zu finden und versuchten zugleich, diesen Zustand durch alternative Lebensformen zu überwinden, da sie den Zusammenhang zwischen privater Lebensführung und der Bereitschaft erkannt hatten, sich an repressiven Prozessen zu beteiligen. Deshalb mischten sie sich aktiv ins politische Leben ein, verstanden aber auch ihr familiäres Leben zunehmend politisch. Maßgeblich an diesem Bewusstseinswandel war die nicht mehr aufzuhaltende Verbreitung sozialkritischer Literatur sowohl aus dem belletristischen wie auch dem historisch-wissenschaftlichen Bereich. 
Selbst wenn fünfzig Jahre später zugegeben werden muss, dass der damals angestrebte gesellschaftliche Wandel nur unvollständig gelungen ist, weil die die sog. Achtundsechziger immer eine kleine, elitäre Minderheit geblieben sind und sich deshalb ihren restaurativen Gegenkräften als unterlegen erwiesen, ist es verfehlt, den versuchten Aufbruch dadurch klein zu reden, dass er in pubertäre Gewaltbereitschaft und enthemmten Hedonismus einer noch vom 2. Weltkrieg beschädigten (alternativ, aber in Zusammenhang damit: einer vom Wirtschaftswunder bereits verwöhnten) Generation zerredet wird. 

Einer solchen, an vielen Stellen zu lesenden Perspektive sind ernsthaftere, politischere Argumente dafür entgegenzusetzen, warum 2018 außer einer schlechten Dialektik von aggressiver Polemik und sentimentalen Erinnerungen nur noch so wenig von dem zu sehen ist, was „1968“ heißt.
Vielfach übersehene Folgen hatte das Misslingen des in den 1960er/1970er Jahren angestoßenen Aufbruchs dadurch, dass weder die Schatten der sog. Konservativen Revolution noch die Wirkmacht wesentlicher philosophischer Repräsentanten der Hitler-Diktatur abgeschüttelt werden konnten. 
So wird z. B. bis heute das Erbe Hugo von Hofmannsthals auf Sprech- und (zusammen mit der Musik Richard Strauß’) auf Opernbühnen gepflegt, obwohl sich dagegen schon bald nach dem 2. Weltkrieg Widerstand rührte und – selbst in Salzburg – Alternativen zur Verfügung standen, die aber nicht nur von einer konservativen Kulturpolitik verworfen wurden, sondern (schon vor Ausbruch des Kalten Krieges) zur politischen Verfolgung der Künstler führten, die diese alternativen Projekte betrieben. 
Auf der anderen Seite pflegen bedeutende Verlage wie Klett, Duncker & Humblot oder Klostermann immer noch das literarische Erbe prominenter Nationalsozialisten wie Ernst Jünger, Carl Schmitt und Martin Heidegger. Das führt gemäß der Regeln des Wissenschaftsbetriebs und der ihm innewohnenden Traditionen zu einer, allerdings oft verborgenen Weitergabe eben nicht nur extrem konservativen, sondern auch explizit faschistischen Gedankenguts, das allerdings erst dann Entsetzen auslöst, wenn herauskommt, dass es deshalb auch explizit antisemitische Züge trägt und/oder wenn es politisch wiederbelebt wird.

Solche Entwicklungen nicht aufmerksam genug verfolgt und einer breiten, wissenschaftlich kritischen und zugleich politischen Diskussion zugeführt zu haben, gehört zu den Versäumnissen der letzten fünfzig Jahre. Sie gehen auf eine Zeit zurück, von der Kasseler Soziologe Heinz Bude behauptet, die „68er“ hätten der geschichtlichen Entwicklung nichts (wirklich) Neues hinzugefügt und: Es war damals „mit Adorno wie in der Oper: Sie verstanden nichts, konnten aber alles mitsingen.“

Karl Reininghaus 
Jahrgang 1946, Studium von Philosophie, Linguistik und Allgemeiner Literaturwissenschaft in Mainz und Stuttgart. Von 1973 bis 2011 als Lehrer im baden-württembergischen Schuldienst angestellt. 2009 Promotion über die Rezeptionsgeschichte Hölderlins und dessen psychischen Status nach 1806. Schreibt und publiziert über Literaten und literarische Themen und ihre philosophischen und politischen Hinterseiten.